Tobias kämpfte von der ersten Klasse an mit dem Erwerb des Lesens und Rechtschreibens. Er begann an sich selbst zu zweifeln, sein Selbstwert sank. Tobias ist von "Legasthenie" (auch "Lese-Rechtschreibstörung" oder "Dyslexie" genannt) betroffen. Die Legasthenie ist eine Teilleistungsstörung, bei der Kinder, die Intelligenzwerte im durchschnittlichen oder auch überdurchschnittlichen Bereich aufweisen, nur unterdurchschnittliche Leistungen im Lesen und/oder Rechtschreiben erzielen können. Das Intelligenzniveau und das Lese- und Rechtschreibniveau klaffen somit signifikant auseinander. Die Ursachen von Legasthenie sind dabei sehr komplex. Es liegen meist neurobiologische Ursachen vor, die aber durch Umwelteinwirkungen beeinflusst werden. Etwa 3-5 % aller Kinder und Jugendlichen sind von dieser Störung betroffen - das sind allein 200.000 Grundschulkinder! Statistisch gesehen hat somit jeder Lehrer ein Kind in seiner Klasse, das mit diesen Schwierigkeiten kämpft. Ein Störungsbild also, das jeden Lehrer betrifft.
Hier einige Anregungen für den Umgang mit Legasthenie.
Verständnis!
Der erste Schritt ist, über das Störungsbild der Legasthenie gut informiert zu sein, um so die Not und Verzweiflung der betroffenen Schüler nachvollziehen zu können - denn Verständnis und Einfühlungsvermögen sind die wichtigsten Voraussetzungen, um einem Kind helfen zu können!
Motivation!
Kinder mit Legasthenie benötigen viel, viel Lob. Jedes richtig geschriebene Wort ist ein Erfolg! Werden die richtig geschriebenen Wörter gezählt, und nicht die falschen, traut sich das Kind selbst wieder mehr zu, was sich auch positiv auf die Resultate auswirkt.
Individuelle Leistungsbewertung!
Eine Fehlerreduzierung von beispielsweise 30 auf 20 Fehler ist für ein Kind mit Legasthenie eine enorm große Verbesserung, die gewürdigt und gelobt werden muss. Vergleicht man das Kind mit den anderen Kindern im Klassenverband, wird die Leistung jedoch noch immer ungenügend sein, was das Kind demotiviert und verunsichert. Ein motivierender, bestärkender Satz unter dem Diktat wirkt dabei Wunder!
Umsetzung von Notenschutz und Nachteilsausgleich
Die schulischen Erlasse sind in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich. Eine gute Kenntnis dieser Erlasse ist für einen angemessenen Umgang mit Legasthenie daher unverzichtbar. Die Schulpsychologen und Beratungslehrer unterstützen die einzelnen Lehrer bei der Umsetzung. Die Möglichkeiten sollten zugunsten der betroffenen Kinder voll ausgeschöpft werden - die Kinder brauchen diesen Schutz!
Vernetzung mit behandelnden Therapeuten und Eltern
Kinder, die außerschulische Förderung erhalten, erlernen bestimmte Strategien, die sie auch auf den Unterricht übertragen sollten. Es ist daher wichtig, dass die Lehrer die Kinder im Unterricht immer wieder an die erlernten Strategien erinnern und sie auf dieselbe Weise unterstützen, die auch in der Therapie angewandt wird. Die Vernetzung erleichtert somit auch den Lehrern den Umgang mit der Legasthenie im Unterricht.
Vergrößertes Unterrichtsmaterial
Kinder mit Leseschwierigkeiten benötigen die Arbeitsanweisungen in größerer Schrift und in übersichtlicher Anordnung. Vergrößert kopierte Proben- und Hausaufgabenblätter sind daher eine große Erleichterung!
